Es ist weit länger her, als ich wollte, seit ich das letzte Mal ein «Writers Update» oder einen «Seelensnack» geliefert habe. Mehrmals habe ich mir gesagt, dass es nun an der Zeit wäre – und tat es dann doch nicht.

Das liegt nicht daran, dass es keine lesenswerten Neuigkeiten gegeben hätte. Ich habe das zweite Draft meines zweiten Romans geschrieben, ein spannendes neues Projekt ist in Arbeit. Aber es kam mir falsch vor, solange ich mir nicht etwas anderes von der Seele geschrieben hätte. Heute will ich das tun, auch wenn es immer noch zu früh, zu schwer und zu traurig scheint.

Heute vor einem halben Jahr ist mein Vater gestorben. Unerwartet schnell, und dennoch nach verzweifeltem Bangen und Hoffen, das zehn Tage im Mai zu den längsten und schlimmsten meines Lebens machte.

Wir werden nie erfahren, woran er genau gestorben ist. Was wir wissen ist, dass unser Pa sich letzten Dezember ein Melanom entfernen liess und die Ärzte bei einer darauffolgenden Untersuchung eine Mikrometastase in der Leistengegend entdeckten, die eine Tabletten-Chemo erforderte. Im Februar begann er mit der Therapie, die er mit der ihm eigenen Entschlossenheit und Zuversicht in Angriff nahm und auch gut meisterte.

Anfang März fing er sich, wahrscheinlich auf einer seiner täglichen Velotouren, eine leichte Bronchitis ein, die er nie mehr ganz loswurde. Doch das, was mit seinem Tod endete, begann Anfang Mai, als ich ihn während eines Anrufs fragte, ob er gerade eine Treppe hinaufgerannt sei. Er gestand mir, dass er seit einigen Tagen Atembeschwerden hatte, und ging schliesslich am 11. Mai zum Covid-Test. Er wurde negativ getestet und mit einem Termin für weitere Abklärungen nach Hause geschickt. Am Tag seiner Untersuchung rief er mich nachmittags an und teilte mir mit, dass sie ihn im Spital behalten würden, weil seine Sauerstoffwerte so schlecht seien. Ich erschrak, war aber froh, dass er nun zumindest am rechten Ort war, falls sich die Lage verschlimmern sollte.

Am Samstag rief er mich schon früh an, und meine Sorge  nahm zu – er hatte kaum geschlafen und hörte sich mutlos an. Kurz vor Mittag meldete er sich erneut, damit ich ihm ein paar Sachen fürs Spital zusammenstellen konnte. Er klang schon wieder munterer, und ich flitzte etwas erleichtert gemäss seinen Anweisungen durch seine Wohnung und packte ihm einen Koffer, versprach , ihn am Sonntag abzugeben – Besuche waren wegen Corona ja nicht erlaubt – und ihm zusätzlich zu seinen Leib- und Magenblättern auch den Sonntags-Blick zu bringen, den er sonst immer im Café «Stadthus» las.

Durch seinen guten Mut getröstet, wandte ich mich anderen Dingen zu, als eine Stunde später wieder ein Anruf kam. Dieses Mal klang Pa gestresst und besorgt. Im Hintergrund hörte ich einen Arzt zu ihm sagen, dass er ins künstliche Koma versetzt werde, und erschrak tief. Wir konnten nur noch kurz austauschen; Pa sagte mir, dass man mich jeweils über seinen Zustand informieren würde. Ich glaube, das letzte, was er sagte, war, dass andere «ja auch wieder aufgestanden» seien.

Es folgten zehn herzzerreissende Tage, ein Auf und Ab, das ich nie vergessen werde. Erst Angst und Bangen, weil sich sein Zustand nicht bessern wollte; dann leise Hoffnung, als der Arzt nach drei Tagen «zufrieden» war. Der Schock, als ich ihn besuchen durfte und hilflos daliegen sah, mit offenen Augen, aber nicht ansprechbar. Erneutes Bangen, als keine weiteren Fortschritte eintrafen. Beklemmung und Furcht, als die Ärztin eine Woche nach seinem Eintritt sagte, wir müssten mit dem Schlimmsten rechnen; als am Tag darauf Herzrhythmusstörungen dazukamen; der Sonntag, an dem meine Schwester und ich beide bei ihm sassen.

In all diesen Tagen hatte ich jeden Tag einmal angerufen und mit – oder besser zu – meinem Pa gesprochen. Hatte gehofft und gebetet, im Wissen und in der Zuversicht, dass Gott alles möglich ist, auch wenn die Medizin am Ende ihrer Weisheit angelangt. Meine Schwester und ich schickten Lieder ins Spital, die ihm die Pflegerinnen abspielten; als wir gemeinsam bei ihm waren, sangen wir ihm vor. Wir gaben die Hoffnung nicht auf.

Doch schliesslich kam er doch, der schwarze Montag, der sich in jedem Detail für immer in mein Gedächtnis eingebrannt hat:

Das Müsli, das ich gerade ass, als morgens um neun der Anruf kam, wir müssten sofort kommen, und das anderntags noch halbgegessen und eingetrocknet auf meinem Schreibtisch stand.

Die hektische Fahrt ins Spital, während der Pas älteste Schwester anrief, um sich nach seinem Befinden zu erkundigen, und ich mich in meiner Angst verfuhr und fürchtete, nicht mehr rechtzeitig anzukommen.

Das Besprechungszimmer, in dem ich mit meiner Schwester und ihrem Mann sass, als uns die Ärztin mitteilte, dass sie nichts mehr tun konnten; dass die Organe versagt hätten und Pa nur noch durch Medikamente und Maschinen am Leben erhalten werde, und dass wir eine Entscheidung treffen müssten.

Die langen Stunden, die wir danach noch bei ihm sassen und für ihn beteten – wissend, dass er kein langes Vegetieren an Maschinen gewollt hätte; bereit, ihn gehen zu lassen, aber immer noch voller Hoffnung auf unseren Gott.

Die rote Digitalanzeige an der Wand, die den 25. Mai anzeigte, und bei der ich mich fragte, ob dies jetzt der Tag sein würde, an dem mein Vater sterben wird.

Die so schnell und gleichzeitig ewig dauernden Minuten, nachdem die Ärzte die Maschinen abgestellt hatten und wir buchstäblich an Pas Lippen hingen, auf ein Wunder hofften und zusahen, wie seine Atemzüge weniger und schwächer wurden und er schliesslich friedlich starb. Und unsere Welt stehenblieb.

Der Telefonanruf, den ich mit meiner Tante führen musste – seiner Schwägerin, die er sehr geschätzt hatte – und die mich mit gebrochener Stimme fragte, ob er habe sterben dürfen.

Die einsame Heimfahrt, auf der ich zu Gott und zu meinem Pa schrie und weinte, der Moment, als ich daheim ankam und mein Mann mich in die Arme nahm.

Die Welt hat sich seitdem weitergedreht, und heute, ein halbes Jahr später, ist die turbulenteste und dunkelste Zeit vorbei. Ein Leben ist hier auf Erden zu Ende; in meinem Herzen und – so glaube ich fest – an dem Ort, wo wir uns wiedersehen, geht es weiter. Die Trauer kommt und geht in Wellen. Denn die Lücke, die Pa in meinem Leben und in dem anderer hinterlässt, ist riesig.

Als unsere Mutter 2004 starb, übernahm er, der in unserer Kindheit aufgrund seiner vielen Engagements wenig präsent war, ihre Rolle in unserer kleinen Familie. Er machte uns zu seiner Priorität,  reiste an die Konzerte und Aufführungen seiner Enkel und nahm grossen Anteil an allem, was seine beiden Töchter machten. Er freute sich sichtlich, als ich mit meinem Mann 2010 zurück nach Grenchen zog, und war von da an fast täglich Teil meines Lebens.

Er war der stolze Cheerleader seiner Töchter und mein treuester Fan, und er fehlt mir so sehr. Und sein Fehlen macht mir bewusst, wie zerbrechlich mein Selbstwertgefühl manchmal noch ist. Ich dachte, ich sei verwurzelt in Gottes Liebe, und daran könne niemand rütteln. Der Verlust meines Pa erinnert mich schmerzlich daran, dass Gott uns nicht als Solonummern geschaffen hat. Wir brauchen die Gemeinschaft, brauchen die Liebe und Wertschätzung eins menschlichen Gegenübers.

Pas Tod hat mich und mein Leben unwiederbringlich verändert. Meine Verbindung zur Familie ist stärker geworden; ich habe meine Schwester mehr gesehen und mit ihr öfter gesprochen als sonst in zwei Jahren. Pas noch lebende Geschwister und die meisten unserer Cousins und Cousinen wohnen in Grenchen, und in diesen schweren Monaten sind wir einander auch nähergekommen. Die Familienbande der Meiers sind stark und liebevoll, und was für ein Geschenk das ist, wurde mir in diesen dunklen Tagen neu bewusst.

Die Trauer wird nicht vergehen. Sie wird anders werden, wird abebben und wiederkehren, sich wandeln. Und ich werde wieder vorwärtsschauen – wie es auch mein Pa einst getan hat. Als meine Ma starb, war er untröstlich, und es dauerte lange, bis er richtig ins Leben zurückkehrte. Aber irgendwann schien ein Ruck durch ihn zu gehen, und er wurde wieder der fröhliche und lebensfreudige Mensch, den wir kannten. Als ich nach seinem Tod seine Agenda durchblätterte, stiess ich auf ein rosa Post-it, auf dem er in seiner charakteristischen Handschrift einen Spruch notiert hatte. Er stammt von einer der vielen Trauerkarten, die Pa nach Mas Tod erhalten hatte, und er hatte ihn seit diesem Tag zu seinem Lebensmotto gemacht. Dass er ihn immer noch auf einem Post-it in der Agenda herumtrug, zeigt mir, dass er sich öfters an das erinnern musste, was darauf stand:

«Auch wenn du von uns gegangen bist,
sind wir verpflichtet, gut zu leben.
Verpflichtet uns und vor allem dir –
denn du würdest es hassen und uns schimpfen,
wäre unser Leben dunkel und nicht mehr lebenswert.»

Jetzt trage ich den Zettel mit mir herum, um mich daran zu erinnern, dass Pa es genau so sehen würde. Und ich bin entschlossen, seinen Wunsch zu erfüllen. Mein nächster Post wird sich hoffnungsvoll der Zukunft zuwenden, wird sich freuen auf das, was kommt, und es mit Euch teilen. Ich werde mir an ihm ein Beispiel nehmen, das Leben geniessen und die richtigen Prioritäten setzen – furchtlos und kühn.

Heute aber gehören meine Gedanken noch ihm, und ich schliesse dieses Post mit meiner Trauer und meiner grossen Dankbarkeit. Für das, was Pas zu früher Tod in mir und anderen hervorgebracht hat: tiefere Beziehungen, die Erfahrung, dass wir solche Zeiten überstehen können, das immer noch felsenfeste Vertrauen in Gott, der mich unzweifelhaft durch diese Zeit getragen hat. Und für das, was wir an ihm hatten. Denn nur, wer etwas so Gutes hatte, kann es so schmerzlich vermissen.  

Auf dich, Pa. Danke für alles. Wir sehen uns.

Die letzten beide Tage habe ich mit dem Kleintheatervorstand Grenchen in Thun verbracht und an der Kleinkunstbörse Künstler für unsere neue Saison ausgesucht. Wie immer haben wir spannende, lustige und zum Nachdenken anregende Beiträge gesehen und dabei bei angenehmen Temperaturen die wunderschöne Szenerie mit schneebedeckten Alpen und Thunersee genossen.

Unsere Stadt, die wir dabei immer im Hinterkopf haben (passen diese Künstler zu Grenchen? Gefällt dieses Programm unserem Publikum?) hat sich dieses Jahr allerdings noch in anderer Form bemerkbar gemacht. Die Wellen der Empörung über den Dok-Film «Die schweigende Mehrheit», der am Donnerstag auf SRF 1 ausgestrahlt wurde, hat auch uns erreicht und beschäftigt.

Ist ein «Kern Wahrheit» darin?
Und ist so ein Film journalistisch vertretbar?

Ja und – mit Verlaub – nein.
Was in diesem Film gezeigt wird, ist nicht «mein» Grenchen.

Ja, die Stadt Grenchen hat ihre Probleme, und die darf man auf den Tisch bringen. Aber ich schliesse mich Beitrag und Kommentar des «Grenchner Tagblatts» an: Nach einem Jahr Recherche einen Film zu zeigen, der Grenchen praktisch ausschliesslich negativ darstellt, ist in meinen Augen nicht gerechtfertigt. Da wurde offenbar am Reissbrett beschlossen, was der Film aussagen soll, und auf dieser Grundlage wurden Aufnahmen gemacht, Leute befragt und Sequenzen zusammengeschnitten, bis man genau dieses Bild produziert hatte.

Die Empörung ist gross, der Schaden, so der Tenor, angerichtet. Trotz allem sehe ich das Ganze nicht nur negativ. Die Grenchner haben die Angewohnheit, gern und oft über ihre Stadt zu lästern, aber von aussen angegriffen, vereinigen sie sich. Vielleicht befeuert uns dieses als ungerecht empfundene Porträt, uns noch stärker dafür einzusetzen, die «Problemzonen» anzugehen. Anstatt sich in der heute so verbreiteten Konsumhaltung nur zu beklagen, könnte jeder seinen Frust in positive Energie verwandeln und dazu beitragen, dass Grenchen zu SEINEM Grenchen wird.

Eine Gemeinschaft hat sich immer dadurch weiterentwickelt, dass Menschen Mankos erkennen, die Initiative ergreifen und dazu beitragen, dass es besser wird. So hat in Grenchen die Uhrenindustrie überhaupt erst Fuss gefasst, so sind Kinderspielplätze, Ferienpass, Jugendhaus, «Granges Melanges», «Rock am Märetplatz» und vieles mehr entstanden.

Grenchen ist und bleibt MEINE Stadt,
und ich sehe vieles, was mich freut und mit Stolz erfüllt:

Menschen, die sich in Vereinen für eine lebendige Kultur einsetzen – im Kleintheater, in der neu erweckten Literarischen Gesellschaft, in Musikvereinen und Chören wie dem Leberberger Konzertchor, der bald wieder mit seinen Proben beginnt.

Menschen, die in Vereinigungen und Kirchen unentgeltlich Deutschkurse anbieten, damit Zugewanderte sich hier schneller zuhause fühlen und Anschluss finden.

Menschen, die trotz Politikverdrossenheit Zeit und Herzblut für ein politisches Amt investieren.

Nicht jeder muss alles machen. Ein politisches Amt ist nicht jedermanns Sache, nicht jeder singt gern, nicht jeder macht gern Sport, nicht jeder geht gern in die Kirche. Aber jeder kann in seinem Umfeld dazu beitragen, dass Grenchen sich verändert und zu dem Ort wird, den er sich wünscht.

Was Aussenstehende über Grenchen sagen, ist mir ziemlich egal – wie ich früher schon geschrieben habe, hat es einen gewissen Reiz, eine Stadt zu verteidigen, in der andere nur das Schlechte sehen. Mein Grenchen ist ein Ort, an dem es sich zu leben lohnt; ein Ort, an dem viele Menschen nicht einfach ihren Steuerbeitrag als Berechtigung ansehen, über alles zu lästern, sondern in Ämtern und Vereinen, in Nachbarschaft und Kirche Zeit investieren, weil sie begriffen haben, dass eine Gemeinschaft nur wächst, wenn jeder sich einbringt.

Mein Grenchen ist eine Stadt mit Licht und Schatten, vor allem aber eine Stadt mit viel Potential. In diesem Sinne: «Vo Gränche by Gott, wo suure Wy wachst» – aus dem wir erst recht einen guten Tropfen zaubern!

Quelle: ch-info.chNach acht langen Jahren lädt Grenchen wieder einmal zum grossen Fest im Stadtzentrum mit Musik, gutem Essen, spannenden Ständen, einem Rummelplatz und vielem mehr – also allem, was das Herz begehrt.

Feiern ist angesagt – aber was genau feiern wir?

Zuerst einmal finde ich es schon sehr feiernswert, dass sich engagierte Schaffer und Visionäre gefunden haben, um unserer Stadt eine Party auszurichten. Ich denke aber auch gern zurück an die Zeit, die das Fundament dafür gelegt hat, dass sich unser ehemaliges Bauerndorf heute “Stadt” nennen darf.

Obwohl das Festmotto die rauschenden Fünfzigerjahre des letzten Jahrhunderts sind, in denen der Uhrenrubel rollte und Grenchen nach den Sternen griff, hat Grenchens Weg zur Stadt gut 100 Jahre vorher angefangen  – vielleicht noch früher. In der Mitte des 19. Jahrhunderts war Grenchen nur ein Dorf mit rund 1’500 Einwohnern, aber seine Einwohner interessierten sich schon immer für das, was ausserhalb der Stadt-, Kantons- und Landesgrenzen vor sich ging. Gleichzeitig besassen die Grenchner eine revoluzzerische Schlagseite, was im patrizischen Kantonshauptort Solothurn schon damals für Unmut sorgte. In den 1830er Jahren gewährten die Grenchner liberalen Gesinnungsgenossen wie den Italienern Giuseppe Mazzini sowie den Brüdern Agostino und Giovanni Ruffini, aber auch dem badischen Journalisten Karl Mathy politisches Asyl und schützten sie vor dem Zugriff der ausländischen und der Schweizer Behörden. In den 1850 Jahren legten die Oberhäupter der Familien Schild und Girard dann den Grundstein für Grenchnens spätere Blüte, indem sie die Uhrenindustrie im Ort ansiedelten. Nach einem schwierigen Start entstanden in den kommenden Jahrzehnten zahlreiche Fabriken auf Grenchner Boden.

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Hundert Jahre später, in den besagten rauschenden 1950er Jahren, stand Grenchen in voller Blüte. Das Wirtschaftswunder hatte den Ort erfasst, und Architekten errichteten prägende Bauten wie das Parktheater und die Grenchner “Badi”, die für uns, die wir hier aufgwachsen sind, für alle Zeiten die einzig wahre und unerreichbare Messlatte dessen darstellt, wie ein Schwimmbad sein soll. Junge Badibesucher der späten Siebziger und Achtziger zehren noch heute von der Erinnerung an die weltbesten Pommes Frites in der fettigen Papiertüte, an das sahnigste Soft-Ice der Hemisphäre und die buntesten und bizarrsten Süssigkeiten, die man je an einer Badi-Theke erstanden hat.

Aber genug der elegischen Schlenker. Anfangs der 1970er Jahre unterbrach die Ölkrise den Wachstumsrausch. Die Uhrenfirmen dezimierten sich, der vorher stetige Bevölkerungsanstieg kam zum Stillstand, und plötzlich ging es in die andere Richtung. Es folgten schwierige Jahre, und in den 1980er Jahren war Grenchen auf einem Tiefpunkt angelangt.

Aufgeben gab es indessen nicht. Die Talsohle wurde überwunden, neue Betriebe siedelten sich an, und 2008 erhielt Grenchen vom Schweizer Heimatschutz sogar den Wakkerpreis für den sorgsamen Umgang mit dem öffentlichen Raum, was die NZZ mit dem Titel “Auszeichnung für eine Gebeutelte” honorierte.

Heute ist Grenchen wirtschaftlich breiter aufgestellt. Die Stadt ist lebendig und entwickelt sich, auch wenn es manchmal eine Weile zu dauern scheint. Es hat noch leere Schaufenster im Zentrum, die auf Inhalte und Unternehmen warten, und der Ortskern darf noch mehr belebt werden, aber die Richtung stimmt. Und für mich ist das Fest, das wir dieses Wochenende feiern, Ausdruck unserer Freude und unseres Stolzes auf das, was wir sind – und auf das, was wir waren.

Unsere Wurzeln prägen uns und gestalten mit, was aus uns wird –
das gilt für uns als Menschen genauso wie für eine Stadt.

Grenchens Wurzeln sind einfach und ehrlich, aber auch mutig und weitsichtig. Sie liegen in harter Arbeit, gepaart mit Risikofreude, Weitblick und der Überzeugung, dass das, was anderswo geschieht, uns auch etwas angeht. Dieser Blick über den eigenen Garten hinaus hat zusammen mit der industriellen Entwicklung auch ein soziales Bewusstsein gedeihen lassen. Dazu kommt die Prise Revoluzzertum, auf die wir irgendwie auch stolz sind und die noch heute einen gewissen Widerstand in der Kantonshauptstadt Solothurn auslöst, wenn auch die Konflikte zumeist an der Fasnacht ausgetragen werden.

Ja, ich bin stolz auf mein Grenchen. 1971 bin ich hier geboren, als es noch ein Spital gab, bin im Lingerizquartier aufgewachsen und habe während meiner Primarschuljahre viele Lehrer mit meinem braven Eifer erfreut (die Fräuleins Allemann und Christen und Herrn Weyermann) oder mit meiner Unfähigkeit zur Verzweiflung getrieben (vor allem das Fräulein Trüssel). Vor fünf Jahren bin ich wieder in Grenchen vor Anker gegangen, und irgendwie erkenne ich mich in allen oben angetönten Grenchner Charakteristika wieder. Vielleicht ist das ja kein Zufall  – vielleicht beeinflussen und prägen sich die Stadt und ihre Einwohner gegenseitig.

Wenn Grenchner sein heisst, sich seiner einfachen Wurzeln nicht zu schämen, es zu schätzen, dass man einander kennt und dennoch über die Ortsgrenzen hinaus blickt; wenn es heisst, einen  rebellischen Zug zu besitzen, ein soziales Gewissen zu haben und sich dafür einzusetzen, dass unsere Stadt für alle lebenswert ist und bleibt – dann bin ich mit Leib und Seele Grenchnerin. Und wünsche meiner Stadt noch viele solcher Jahre und Feste!

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Vo Gränche by Gott!

Verbindest Du mit Deinem Herkunftsort auch bestimmte Eigenschaften? Und wenn ja – was macht für Dich “Deinen” Ort aus? Oder hast Du einen neuen Ort gefunden, der “Deiner” geworden ist? Ähnelst Du Deinem Ort vielleicht sogar? Ich freue mich auf Deinen Kommentar!

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Kappeli TurmAls ich die Mittelschule besuchte, bestand mein politisches Feindbild aus einem Aufkleber. Er prangte vor allem auf den Ledermappen der Mitglieder einer bestimmten Mittelschulverbindung. Der Kleber zeigte ein hehres Schweizer Kreuz auf rotem Grund und den sagenhaften Satz: „Ich bin stolz, ein Schweizer zu sein.“

Mir ist heute noch schleierhaft, wie man auf etwas stolz sein kann, auf das man erwiesenermassen überhaupt keinen Einfluss gehabt hat. Aber immerhin: es gab Menschen, die so etwas kauften und öffentlich sichtbar herumtrugen, und es gab die Kleber. Einen entsprechenden Kleber für meinen Wohnort Grenchen habe ich bisher erfolglos gesucht.

Das liegt sicher an der öffentlichen Wahrnehmung. Als mein Mann und ich vor etwa vier Jahren in meine alte Heimat zurückgezogen sind, musste er mehrere Gespräche wie dieses führen:

„Ich werde im März umziehen.“
„Wohin zieht Ihr?“
„Nach Grenchen.“
„Wieso DAS denn?!“
„Meine Frau ist dort aufgewachsen.“
„Ach so! Aber trotzdem…“

Nach Grenchen zieht man einfach nicht. Der Steuerfuss ist hoch, und die schöne Barock-Altstadt liegt 15 Kilometer ausserhalb – nach dem blauen Schild mit der Aufschrift „Solothurn“. Und obwohl Grenchen 2008 den Wakker-Preis „für beispielhaften Ortsbildschutz“ gewonnen hat, werden wir das Etikett der „hässlichsten Stadt der Schweiz“ einfach nicht los.

Trotzdem lebe ich gern hier. Grenchen ist Teil meiner DNA, und ich passe hierher. Hier begegnen mir auf Schritt und Tritt meine Wurzeln und die Erinnerungen an meine ersten zwanzig Lebensjahre. Die Kellerdisco, in der ich zum ersten Mal “im Ausgang“  war (liebe Nicht-Schweizer: das hat nichts mit Gefängnis oder Militärdienst zu tun). Das Kino, in dem ich meinen ersten Film gesehen habe (ich glaube, es war „Beverly Hills Cop 1“). All die Schulhäuser, in denen ich ein- und ausgegangen bin. Das riesige Steindenkmal von Hermann Obrecht, dem bisher einzigen Grenchner Bundesrat.

GrenchenMeine Stadt braucht keine alten, schmucken Gebäude, um mein Herz zu gewinnen. Sie war einst ein Bauerndorf, wurde zur Arbeiterstadt und hat sich zu einem Ort entwickelt, an dem es sich gut leben lässt. Und dass andere das fast nicht glauben können, macht es noch lustiger. Gern in Grenchen zu leben ist wider den Zeitgeist – und darin ähnelt es dem Bekenntnis, ein Fundi-Christ zu sein.

Reaktionen auf ein „Bekenntnis der brennenden Nachfolge“ reichen vom erwähnten „Wieso DAS denn?!“ über ein verlegenes Schweigen bis hin zu Sätzen wie: “Zum Glück ist Dein Mann ja vernünftig, dann gleicht sich das aus.” Oder “Ist ja ok, für Gott zu sein, aber man kann auch völlig abheben und zu viel…“

Kann man nicht.

Natürlich kann ich Fehler machen. Wenn ich etwas mit Leidenschaft tue, kann ich übers Ziel hinaus schiessen oder mich verrennen – solche Beispiele finden sich auch in der Nachfolge in rauen Mengen. Aber Gott zu sehr lieben – das geht nicht. Und mein Massstab, ob ich noch auf Kurs bin, ist neben der Bibel die Liebe, die ich für andere Menschen mitbringe. Solange diese Liebe wächst, ist alles in Butter.

Ich werde nie genug von Gott haben. Und ich möchte noch viel verrückter werden, wenn es um ihn geht – getreu nach dem Motto von John Wimber:

„I’m a fool for Christ – who’s fool are you?”

Und ich hoffe, dass auch in meiner Stadt noch mehr von der verrückten Freiheit sichtbar wird, die das Leben mit Gott bietet. Mein Beitrag dazu ist, dass ich so gut ich kann seine Werte lebe, seine Liebe weitertrage und ihn schamlos bekenne.

Womit ich letzteres getan habe.