Auf ein (Gottes-)Wort

«Sein Wort auf den Lippen» steht seit einigen Wochen in den Regalen, wird – Praise the Lord! – auch gekauft, gelesen und rezensiert, und natürlich schaue ich als Autorin immer mal gern, wie sich das Buch macht, ob neue Rezensionen dazu gekommen sind und was die zum Buch sagen. Nicht wenig überraschend ruft das Thema «Frau und Predigt» am meisten Reaktionen hervor – positive, gemischte, negative. Das ist völlig in Ordnung, und ich würde nie mit Rezensierenden über ihre Meinung streiten. Dennoch stehen ab und zu Formulierungen heraus, die mich kitzeln. Es sind Redewendungen, die ich in ähnlicher Form im Gespräch mit anderen Gläubigen höre und auch da problematisch finde. Sie lassen sich damit zusammenfassen, dass viele Gläubige eine absolute Gewissheit zu haben scheinen, wie jede Bibelstelle zu verstehen ist.

Das drückt sich aus in Aussagen wie der, dass eine bestimmte Auslegung oder Handlung «im Widerspruch zu Gottes Wort» steht, oder darin, dass zwischen «Auslegungen der Bibel» und der «Bibel selbst» ein künstlicher Gegensatz hergestellt wird. Oder auch darin, dass gesagt wird, eine bestimmte Lehrmeinung sei «einfach das Evangelium». Was dabei vergessen wird: Die Bibel wird, auch von uns, ständig interpretiert und ausgelegt. Manchmal merken wir es, manchmal – und das sind die gefährlicheren Fälle – eben nicht.

Die Böcklein-Frage

Wenn wir auf einen Text stossen, der uns rätselhaft erscheint, leuchtet uns rasch ein, dass wir tiefer graben müssen: Wir greifen nach unserem Bibelkommentar oder lesen nach, was dieses Wort denn im Urtext heisst, und meistens hilft uns das. Einen interessanten Fall hat mein früherer Pastor uns einst unterbreitet: Im Alten Testament verbietet Gott dreimal, ein Böcklein in der Milch seiner Mutter kochen. Dieses Gebot macht uns kaum Probleme, aber einleuchtend ist es nicht. Verständlicher wird es, wenn wir erfahren, dass das Kochen eines Böckleins in der Milch seiner Mutter zu jener Zeit ein heidnischer, magischer Ritus war. Man glaubte, dadurch Fruchtbarkeit oder Segen auf Felder und Herden zu erhalten. Mit diesem Hintergrundwissen wird klar: Gott will, dass sein Volk sich von magischen und heidnischen Praktiken abgrenzt. Er allein ist die Quelle von Segen und Leben. Voilà, plötzlich verstehen wir.

Wenn wir sowieso verstehen

In vielen Fällen glauben wir einfach, dass wir verstehen: Zum einen, weil uns die Worte, die verwendet werden, geläufig sind. Aber haben sie immer noch die gleiche Bedeutung? Und hat unsere Übersetzung eine allfällig veränderte Bedeutung berücksichtigt? Zum anderen meinen wir zu verstehen, weil das, was «da steht», mit den Lehrmeinungen in unserem Glaubensumfeld übereinstimmt. Wer – um auf das Buchthema zurückzukommen – im Korintherbrief liest, dass Frauen in der Kirche schweigen sollen, und in der eigenen Kirche die gleiche Lehre hört, wird nicken und sagen, dass dieser Grundsatz «mit dem Evangelium übereinstimmt». Schliesslich «steht es so im Wort». Die Frage, in welchem Kontext Paulus den Korinthern schreibt, ob es wirklich eine allgemeingültige Aussage ist oder eine spezifische Antwort an die Situation der Korinther oder die Tatsache, dass diese Stelle im Widerspruch zu anderen Aussagen des Paulus über prophezeiende Frauen steht, wird als Auslegung gesehen, die «gegen das Wort» steht.

Mit unterschiedlichen Ellen messen

Das kann man machen. Nur müsste man es dann immer machen, und das tut niemand. Wenn Jesus die Männer in der Bergpredigt auffordert, sich ein Auge auszureissen, wenn sie eine Frau begehrlich ansehen, sagt niemand, dass es «so im Wort steht». Stattdessen wird betont, dass Jesus hier zum Kunstelement der Übertreibung greift, um klarzumachen, wie wichtig die Aussage ist. Und wenn im Weltgericht in Matthäus 25 beschrieben wird, dass wir den Hungrigen zu essen geben, den Durstigen zu trinken geben, den Fremden aufnehmen, den Nackten bekleiden, uns um die Kranken kümmern und Menschen im Gefängnis besuchen sollen, weil wir das, was wir den Geringsten tun, an Jesus tun? Wer diese Stellen betont, wird rasch in die «Social Justice Warrior» Ecke gestellt, und das ist dann nicht als Kompliment gedacht.

Theologie: zu 80 Prozent Biografie

Wir haben alle unsere Schlagseiten. Wir wurden, nicht nur theologisch, von unserem Umfeld und von der Gesellschaft, in der wir leben, geprägt. Manche Themen lassen uns kalt, andere sind uns wichtig und wir brennen dafür. Manches ist für uns «doch klar», an anderem stossen wir uns und machen uns auf die Suche nach Auslegungen und Hintergrundinformationen. Im besten Fall versuchen wir, das, was da steht, zu verstehen und einzuordnen, im schlechteren, irgendwo eine Auslegung zu finden, die zu dem passt, was wir sowieso glauben.

Bibelverständnis: Wandel gehört dazu

Ich wünschte mir, dass wir die ganze Bibel gleich behandeln, und sie nicht wörtlich, sondern ernst nehmen. Dass wir sie mit Demut lesen, mit der Bereitschaft, unser Herz anrühren und unsere Meinung gegebenenfalls revidieren zu lassen. Die Ansichten darüber, wie «das Wort» im Einzelfall zu verstehen ist, haben sich über die Jahrtausende immer wieder verändert, erneuert und entwickelt. Im 19. Jahrhundert wurde beidseits des Atlantiks Sklaverei mit der Bibel begründet. Bibelstellen aus dem Alten und Neuen Testament wurden herangezogen, um aufzuzeigen, dass Gott kein Problem mit diesem Geschäft habe. Aktivisten wie William Wilberforce haben schliesslich erreicht, dass die Sklaverei abgeschafft wurde, unter anderem mit Bezug auf Galater 3,28: «Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid alle einer in Christus Jesus»; die gleiche Bibelstelle, die auch für die Gleichstellung der Frau zentral ist.  

Wandel und Veränderung darin, wie wir Gottes Wort verstehen, muss nicht schlecht sein. Der Geist ist lebendig und spricht zu uns. Sind wir bereit, das, was wir über Gott und sein Wort zu wissen glauben, verändern zu lassen? Und wenn nicht: Warum nicht? Wovor haben wir Angst, wenn wir uns an eine bestimmte Auslegung klammern? Dass unser Glaubensgebäude in sich zusammenfällt?

Liebe statt Furcht

Ich möchte uns ermutigen, die Angst fallen zu lassen. Der gekreuzigte und auferstandene Christus hält zuverlässig als Zentrum und Pfeiler unseres Glaubens. Das heisst keineswegs, dass alles relativ ist: Wenn wir die Bibel aufmerksam und geistgeführt lesen – besonders das, was über Jesus erzählt wird, was er gesagt und getan hat – zeigt sich uns ein recht klares Bild, wie wir leben und was wir ins Zentrum stellen sollen. Jesus war sogar so nett – oder besser die Evangelisten, die es niedergeschrieben haben – uns dreimal ausdrücklich zu sagen, welches das höchste aller Gebote ist: Gott zu lieben und den Nächsten wie uns selbst. Auch das bedeutet nicht, dass alles egal ist. Wenn ich sehe, dass mein Nächster sich oder anderen Schaden zufügt, ruft mich genau diese Liebe auf, zu handeln.

Möge uns echte Liebe zu unseren Nächsten leiten in allem, was wir sagen und tun, und ebenso in unserem Umgang mit der Bibel. Denn wenn uns Liebe führt – wie sagt das Wort so schön? – dann muss jede Furcht weichen.

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